DTN Vorbilder - Metin Özdemir

DTN Vorbilder - Metin Özdemir
DTN Vorbilder - Metin Özdemir

Diplom-Ingenieur Freier Architekt, 1954 in Savsat/Türkei geboren
Integration ist ein Prozess, der davon lebt, dass alle Beteiligten etwas beisteuern.
 

Nach Abschluss des Gymnasiums in der Türkei fasste ich den Entschluss, meine akademische Laufbahn in Deutschland fortzusetzen. Mit 18 verließ ich meine Heimat um in Deutschland mein Studium zu beginnen. Meine Schwester und mein Schwager waren seit mehreren Jahren in Coburg ansässig. Als ich 1972 zu ihnen zog, sprach ich ausschließlich meine Muttersprache türkisch und „Schulenglisch".

Ich schrieb mich im Goethe-Institut in München ein, um die deutsche Sprache zu erlernen. Nach dem zweimonatigen Sprachkurs bewarb ich mich an der Fachhochschule Coburg um einen Studienplatz für Architektur. Um mich für einen Studienplatz zu qualifizieren, musste ich ein zwölfmonatiges Praktikum in meiner Fachrichtung absolvieren. Da ich ein türkischer Bewerber war, musste ich zusätzlich Prüfungen in Mathematik, Chemie, Physik und Deutsch ablegen und im Studienkolleg fortsetzen. Aus 200 ausländischen Bewerbern wurden nur 33 zum Studienkolleg zugelassen. Nach erfolgreichem Abschluss dieser zwei Semester war ich 1975 als ordentlicher Student an der FH eingeschrieben.

Meine Studienzeit verlief weitestgehend harmonisch. Konflikte zwischen deutschen und ausländischen Studenten gab es kaum. Ich pflege bis heute meine Kontakte zu ausländischen sowie zu deutschen Ex-Kommilitonen. Außerhalb der Universität wurde ich jedoch des öfteren mit Vorurteilen oder Ausländerfeindlichkeit konfrontiert. In meinem Nebenjob musste ich zum ersten Mal Bezeichnungen wie „Teppichhändler", „Kameltreiber" oder „Kümmeltürke" über mich ergehen lassen. Ich versuchte diese Spitznamen nicht allzu ernst zu nehmen, doch ab und an gaben sie mir zu denken, wie viel Spaß wirklich dahinter steckt. Eines Tages konterte ich: „Vergesst aber nicht, dass ihr Kartoffeldeutsche seid!" Von da an wurde ich wieder bei meinem Vornamen genannt.

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis in meiner Zeit in Coburg fand in einem Bekleidungsgeschäft statt. Als ich den Verkäufer nach einer Jacke im Schaufenster fragte, deutete er auf die preislich herabgesetzte Ware und sagte mir, dass diese für Ausländer und die reguläre für Deutsche sei. Obwohl ich die Jacke kaufen wollte, verließ ich den Laden schockiert und betrat ihn auch nie wieder. Trotz dieser Vorfälle hatte ich immer den Wunsch, mich den Gegebenheiten und Sitten in Deutschland anzupassen und mich nicht durch solche Ereignisse einschüchtern zu lassen.

Nach meinem Studium zog ich nach Aalen und begann dort meine berufliche Laufbahn in einem Architekturbüro. Anschließend arbeitete ich elf Jahre lang in Ellwangen. Die Zeit mit meinen Kollegen hat mich sehr geprägt und mir zu verstehen gegeben, dass ohne offene Kommunikation Vorurteile nicht überwunden werden können. Integration ist ein Prozess, der davon lebt, dass alle Beteiligten etwas beisteuern.

Im Jahre 1993 und 1994 war ich sehr engagiert im Ausländerausschuss der Stadt Aalen tätig. Außerdem war ich acht Jahre lang ehrenamtlich Elternbeirats-Vorsitzender im Bildungsverein Aalen. Ich fungierte als Vermittler zwischen ausländischen Kindern mit Schulproblemen, den Lehrern und Eltern. Wir erörterten gemeinsam die Probleme und erarbeiteten Lösungen. Ich habe selbst zwei Töchter, die ihr Studium in Deutschland erfolgreich beendet haben und stolz darauf sind, das Glück gehabt zu haben, in zwei Kulturen aufgewachsen zu sein.