DTN Vorbilder - Serap Bahadir

DTN Vorbilder - Serap Bahadir

Polizeibeamtin, 1986 in Bad Driburg geboren
"Sich in einem Land zu integrieren bedeutet nicht, seine eigene Religion oder Kultur aufzugeben …"

Ich habe drei ältere Geschwister und bin die Jüngste in meiner Familie. Wir wurden alle in Deutschland geboren. 1989 zogen wir von Nieheim Oeynhausen (NRW) in den Ostalbkreis nach Bopfingen, wo ich dann auch den Kindergarten besuchte. Im selben Jahr starb meine Mutter. Das Jahr darauf starb auch mein Vater. Mit meiner drittältesten Schwester wohnte ich daraufhin ca. zwei Jahre bei unserer Tante in München. Als ich sieben Jahre alt war zogen wir dann zu meiner zweitältesten Schwester nach Nattheim, die inzwischen geheiratet und einen Sohn bekommen hatte. Mit neun Jahren musste ich erneut umziehen – nach Königsbronn zu einer türkischen Pflegefamilie. Dort lebte ich ca. vier Jahre lang mit deren vier leiblichen Töchtern und besuchte die Grund- und anschließend die Hauptschule.

Begleitet vom ständigen „Familien"- und knapp jährlichem Schulwechsel war es für mich sehr schwer, lang andauernde Freundschaften zu finden und mich auf die Schule zu konzentrieren. Doch nach der 5. Klasse schaffte ich es schließlich auf die Realschule. Ich konnte bereits in jungen Jahren gut deutsch und türkisch sprechen, da unter uns Geschwistern jeder beide Sprachen beherrschte. Ab 1999 lebte ich bis 2003 im Kinder- und Jugenddorf Marienpflege in Ellwangen und machte meinen Realschulabschluss in der Mädchenrealschule St. Gertrudis. Anschließend begann ich 2003 meine Ausbildung zur Polizeibeamtin in Biberach/Riss. Ende 2005 beendete ich erfolgreich meine Ausbildung und wurde in die Bereitschaftspolizei nach Göppingen versetzt. Dort verrichte ich momentan meinen Dienst als Einsatzbeamtin.

Mein Lebensgefährte ist auch türkischer Abstammung, jedoch leben wir recht westlich orientiert und nicht gerade den „typischen" Vorurteilen entsprechend. Unser Freundes- und Bekanntenkreis besteht hauptsächlich aus Deutschen.

Aus Spaß sage ich oft zu neuen Bekannten: „Keine Angst … ich habe keine Brüder". Denn ich weiß, was wohl die meisten von ihnen insgeheim denken: große Familie, darunter mindestens einen Bruder, der mich im Auftrag meiner Eltern im Auge behält, streng islamisch erzogen und mit 22 Jahren schon heiratsfähig!

Doch da muss ich passen: Ich habe tatsächlich keinen Bruder, sondern nur drei ältere Schwestern. Ich bin nicht verheiratet, wohne aber mit meinem türkischen Lebensgefährten zusammen. Ich glaube an Gott, aber auf meine Art. Ich bin von Beruf nicht Hausfrau, sondern Polizistin. Ich würde sagen, ich habe mich integriert. Dennoch merke ich auch heute noch oft, dass es schwierig ist, diesen Vorurteilen entgegen zu wirken.

Durch die Tatsache, dass ich türkische Wurzeln habe und von Geburt an in Deutschland lebe, fühle ich mich nicht nur türkisch und deutsch zu gleich, sondern auch beiden Kulturen und Ländern verbunden. Sich in einem Land zu integrieren bedeutet nicht, seine eigene Religion oder Kultur aufzugeben, sondern einen Schritt auf die Menschen zuzugehen, in deren Land man lebt. Ich kann von meiner persönlichen Erfahrung berichten, dass es wichtig ist, ohne Vorbehalt auf die Leute einzugehen. Natürlich habe ich dabei auch schon schlechte Erfahrungen gemacht und bin auf Ablehnung gestoßen, jedoch überwiegen die positiven Begegnungen, die ich bisher machen durfte. Ich kann nur jeden dazu ermutigen, aufeinander zuzugehen – unabhängig von Hautfarbe, Nationalität oder Religion.