DTN Vorbilder - Sevim Yeniocak

DTN Vorbilder - Sevim Yeniocak
DTN Vorbilder - Sevim Yeniocak

Mutter und ehemalige Betriebsrätin, 1958 in Antakya/Türkei geboren
Ein typisches Vorurteil: türkische Mädchen heiraten sowieso mit 16 Jahren – also benötigen sie doch kein Abitur!

Ich war 10 Jahre alt, als ich nach Deutschland kam. Ursprünglich stamme ich aus Hatay, einer Provinz im Südosten der Türkei. Mein Vater arbeitete seit fast drei Jahren in Aalen, meine Mutter lebte mit vier Kindern in der Türkei. Als Älteste wurde ich nach Aalen vorausgeschickt, um den Haushalt meines Vaters zu schmeißen. So endete meine Kindheit.

Ein Jahr nach mir folgten meine Mutter und meine Geschwister. Meine Eltern wollten ein paar Jahre in Deutschland arbeiten und danach in die Türkei zurückgehen. Daher musste ich die Schule abbrechen und in einer Fabrik arbeiten. Mit 20 heiratete ich meinen Mann. Zwei Jahre später kam unsere erste Tochter zur Welt.

Ich arbeitete in einer Fabrik, in der überwiegend Migranten beschäftigt waren. Zu dieser Zeit hielt sich die Geschäftsführung nicht an arbeitsrechtliche Bestimmungen. Also informierten wir uns über unsere Rechte als Arbeitnehmer und zusammen mit ein paar meiner Arbeitskollegen gründeten wir mit Hilfe der Gewerkschaft einen Betriebsrat. Wir setzten viele Veränderungen durch, unter anderem einen achtstündigen Arbeitstag. Drei Jahre war ich Betriebsratsvorsitzende (als einzige Frau im Vorstand), ich bildete mich
weiter und machte mich stark für bessere Arbeitsbedingungen. Nach der Geburt meiner dritten Tochter war ich gezwungen, meine Stelle aus gesundheitlichen Gründen aufzugeben.

Im Jahre 1993 war ich Mitgründerin der „Regenbogenfrauen“. Wir waren eine Gruppe von Frauen aus verschiedenen Ursprungsländern. Gemeinsam arrangierten wir viele Ausflüge und Veranstaltungen und sorgten für einen kulturellen Austausch.

Auch wurde ich für die Belange türkischer Frauen aktiv. Dabei bekam ich Unterstützung von den Sozialarbeitern Ismail Demirtas und Mustafa Oguz, sowohl bei der Gründung des Betriebsrates als auch bei Aktivitäten mit türkischen Frauen.
Für meinen Mann und mich war es immer sehr wichtig, unseren Kindern die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. Wir förderten sie so gut, wie wir nur konnten. Meine Kinder sind dreisprachig aufgewachsen. Meine älteste Tochter beendete die Grundschule und wurde von ihrer Lehrerin nur für die Realschule mit der Begründung empfohlen: „Es sieht gut aus, aber türkische Mädchen heiraten sowieso mit 16, also benötigt sie kein Abitur.“ Meine Tochter war jedoch unglücklich und nach der 10. Klasse wechselte sie auf das Gymnasium und machte ihr Abitur. Im Jahre 2007 hat sie ihr Studium der Semitistik und der Islamwissenschaft erfolgreich beendet. Meine zweitälteste Tochter absolvierte nach ihrem Abitur die Ausbildung zur Logopädin und meine jüngste Tochter macht in diesem Schuljahr das Abitur.

Die Integration sowohl von seiten der Regierung, als auch von seiten der Bürger hat sehr spät eingesetzt. Zu viele festgefahrene gesellschaftliche Strukturen haben sich gebildet, die nur schwer zu durchbrechen sind. Deshalb ist es unerlässlich, dass alle gemeinsam helfen. Dazu möchte ich beitragen und auch aufrufen.