DTN Vorbilder - Cemil Sahin

DTN Vorbilder - Cemil Sahin
DTN Vorbilder - Cemil Sahin

Dipl. Textiltechniker (HF), 1971 in Ordu/Türkei geboren
Offener Umgang, Erziehung und Bildung sind die Würze einer Integration.

1981 holte uns mein Vater, der seit 1969 in Deutschland als Maurer arbeitete, zu sich nach Deutschland. Ich besuchte im Alter von 9 Jahren die „Internationale Klasse“. Dort erlernte ich unter Kindern verschiedener Nationen die deutsche Sprache und wurde nach 8 Monaten in die 3. Klasse eingeschult.
In meiner Klasse war ich der einzige „Ausländer“. Vom Unterricht bekam ich nicht viel mit, da ich viele Wörter zum ersten Mal hörte. Die Angst zu versagen war sehr groß und so musste ich die zu lernenden Seiten auswendig lernen. Es hat funktioniert. Innerhalb einer Woche hatte ich nun meine ersten deutschen Freunde und das blieben sie bis heute! Die Freundschaft brachte mich zu einem Sportverein, wo ich noch mehr Freunde kennenlernte. Das Gefühl „Ausländer“ zu sein hatten mir meine Freunde nie spüren lassen – DANKE!

Als meine Eltern mitbekamen, dass es nach der 4. Klasse verschiedene weiterführende Schulen gibt, wollte meine Mutter unbedingt, dass ich mindestens die Mittlere Reife schaffe – und das nach 2 Jahren Aufenthalt in Deutschland, ohne die deutsche Sprache vorher gekannt zu haben. Das hat natürlich nicht funktioniert und meine Eltern unterstützten mich immer mehr. Schließlich wurde es in der 6. Klasse belohnt und ich durfte in die Uhland Realschule – dorthin, wo meine Freunde von der Grundschule waren.

Mit zunehmendem Alter, erfuhr ich erstmals, was es bedeutet Ausländer zu sein. Die türkischen Freunde beschimpften die Deutschen und die deutschen Freunde beschimpften die Türken aber mich nicht – „du bist anders als die anderen Türken“ hat es immer geheißen – obwohl ich nicht anders war als die anderen Türken. Das machte mich immer nachdenklicher. Was war das Problem? Warum konnte man sich gegenseitig nicht leiden? Also fing ich an zu diskutieren und konnte von beiden Parteien somit viele Meinungen einholen – dies erweiterte natürlich meinen Blickwinkel und hatte eine große Wirkung auf meine persönliche und berufliche Entwicklung in den voranschreitenden Jahren.

Nach meiner Ausbildung zum Textilveredler wurde ich nach weiteren drei Jahren zum Schichtführer befördert. Dort arbeitete ich mit Menschen aus verschiedenen Nationen. Meine „soziale Ader“ machte es möglich, dass ich nach wenigen Jahren sogar zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde. Parallel dazu arbeitete ich ehrenamtlich in der „Jugendar- beit“ des türkisch-islamischen Kulturvereins Aalen e.V.

Nach einem berufsbegleitendem Studium zum „Dipl. Textiltechniker HF“ in der Schweiz, wo ich wieder als einziger Türke in der Klasse war und weitere Freunde aus der Schweiz, Österreich und Deutschland gewinnen konnte, bin ich überzeugt, dass eine Integration nur gelingen kann, wenn beide Parteien sich anerkennen und verständnisvoll miteinander umgehen. Das Fundament dafür liegt nicht nur in der Erziehung sondern auch in der Bildung, die nur durch Unterstützung der Eltern zu erreichen ist.

Seit nun zehn Jahren bin ich ehrenamtlich im türkisch-islamischen Kulturverein tätig. Ich engagiere mich dort in der Jugendarbeit. Mein Ziel ist die Vermittlung von Werten und einer positiven Grundeinstellung.