DTN Vorbilder - Elif Gönenc

DTN Vorbilder - Elif Gönenc
DTN Vorbilder - Elif Gönenc

Lehrerin 1981 in Schwäbisch Gmünd geboren,
Integration setzt das Akzeptieren und Respektieren beider Kulturen voraus.

Herbst 1973 – Der letzte Ansturm der türkischen Gastarbeiter nach Deutschland. Mein Vater war dabei. Indirekt ich auch! Ich wurde am 13. Juli 1981 in Schwäbisch Gmünd geboren. Aufgewachsen bin ich in Heubach. Mit meinen zwei Schwestern, meinem Bruder, meiner Mutter und meinem Vater waren wir eine typische türkische Gastarbeiterfamilie. Der Vater ging arbeiten und die Mutter kümmerte sich um uns Kinder.

Mit drei Jahren kam ich in den Kindergarten. Bis dahin konnte ich kaum Deutsch. Meine Mutter bestand damals darauf, dass wir uns zuhause in der Muttersprache verständigten. Ein Grund dafür war bestimmt auch, dass sie der deutschen Sprache nicht mächtig war. Aber heute kann ich rückblickend sagen, dass diese Wahl die richtige war. Somit konnten wir die Zweitsprache auf der Muttersprache aufbauen. So lernten wir relativ schnell und gut Deutsch.

Nach vier Jahren Grundschule in Heubach ging ich als erste in meinem türkischen Bekanntenkreis aufs Gymnasium. „Du hast es geschafft!", alle waren stolz auf mich, die Nachbarschaft, mein Umfeld und am meisten meine Eltern. Neun Jahre war ich zwar eine mittelmäßige Schülerin, doch ich war die erste Türkin mit Abitur in Heubach. Die türkische Schwäbin nannte man mich, die sowohl schwäbisch als auch türkisch sehr gut sprechen konnte.

Nach dem Abitur studierte ich an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd Grund- und Hauptschullehramt. „Wir brauchen Sie, Lehrer mit Migrationshintergund, um Kinder nichtdeutscher Herkunft so gut wie möglich zu fördern in dem man sie vielleicht besser versteht", sagte damals ein Dozent. Zu dieser Zeit war ich mir der wertvollen Aufgabe nicht bewusst, aber jetzt als Lehrerin, wenn die Kinder aus türkischen Migrantenfamilien mit großen Augen fragen: „Frau Gönenc, bist du türkisch?" und sich dann freuen wenn meine Antwort lautet: „Ich bin beides, türkisch und deutsch. Meine Eltern stammen aus der Türkei". „Wir haben etwas gemeinsam". Dass sie auf diese Situation stolz sind, verraten mir jedesmal die strahlenden Augen.

Eine große Enttäuschung war es für mich dann, als ich nach der zweiten Staatsprüfung keine Stelle als Lehrerin bekam. „Wir brauchen Sie", hieß es doch immer. Ich beantragte Hartz IV. Aber es musste weitergehen. So nutzte ich diese Zeit, den ausländischen Müttern in Heubach im Kulturverein einen Deutschkurs zu geben. Sie erkannten sehr schnell, dass sie nur ein Teil dieser Gesellschaft sein können, wenn sie auch in der deutschen Sprache kommunizieren. Den Deutschkurs konnte ich leider nicht lange abhalten. Ich bekam zu dieser Zeit eine befristete Stelle in Heidenheim. Parallel dazu studierte ich an der PH in Ludwigsburg islamische Theologie. Seit September 2008 habe ich jetzt eine feste Stelle in Stuttgart. An einer Schule, wo vier von fünf Schülern aus Migrantenfamilien stammen. Hier bin ich die Lehrerin mit Migrationshintergrund, die sowohl die türkische und auch die deutsche Kultur in sich hat: Die „Saz" spielt und Spätzle gerne mag.

Eine Anwältin, eine Lehrerin und zwei angehende Ingenieure: mein Vater hatte es geschafft uns und dadurch auch sich zu einem Teil dieser Gesellschaft zu machen. Das zeigt doch, dass eine zweite Kultur und Sprache nicht gegen die Integration sprechen.